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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:49 Titel: Georg Heym (1887 bis 1912) |
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Der Schläfer im Walde
Seit Morgen ruht er. Da die Sonne rot
Durch Regenwolken seine Wunde traf.
Das Laub tropft langsam noch. Der Wald liegt tot.
Im Baume ruft ein Vögelchen im Schlaf.
Der Tote schläft im ewigen Vergessen,
Umrauscht vom Walde. Und die Würmer singen,
Die in des Schädels Höhle tief sich fressen,
In seine Träume ihn mit Flügelklingen.
Wie süß ist es, zu träumen nach den Leiden
Den Traum, in Licht und Erde zu zerfallen,
Nichts mehr zu sein, von allem abzuscheiden,
Und wie ein Hauch der Nacht hinabzuwallen,
Zum Reich der Schläfer. Zu den Hetairien
Der Toten unten. Zu den hohen Palästen,
Davon die Bilder in dem Strome ziehen,
Zu ihren Tafeln, zu den langen Festen.
Wo in den Schalen dunkle Flammen schwellen,
Wo golden klingen vieler Leiern Saiten.
Durch hohe Fenster schaun sie auf die Wellen,
Auf grüne Wiesen in den blassen Weiten.
Er scheint zu lächeln aus des Schädels Leere,
Er schläft, ein Gott, den süßer Traum bezwang.
Die Würmer blähen sich in seiner Schwäre,
Sie kriechen satt die rote Stirn entlang.
Ein Falter kommt die Schlucht herab. Er ruht
Auf Blumen. Und er senkt sich müd
Der Wunde zu, dem großen Kelch von Blut,
Der wie die Sammetrose dunkel glüht.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:49 Titel: |
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Was kommt ihr, weiße Falter …
Was kommt ihr, weiße Falter, so oft zu mir?
Ihr toten Seelen, was flattert ihr also oft
Auf meine Hand, von euerm Flügel
Haftet dann oft ein wenig Asche.
Die ihr bei Urnen wohnt, dort wo die Träume ruhn
In ewigen Schatten gebückt, in dem dämmrigen Raum
Wie in den Grüften Fledermäuse
Die nachts entschwirren mit Gelärme.
Ich höre oft im Schlaf der Vampire Gebell
Aus trüben Mondes Waben wie Gelächter,
Und sehe tief in leere Höhlen
Der heimatlosen Schatten Lichter.
Was ist das Leben? Eine kurze Fackel
Umgrinst von Fratzen aus dem schwarzen Dunkel
Und manche kommen schon und strecken
Die magren Hände nach der Flamme.
Was ist das Leben? Kleines Schiff in Schluchten
Vergeßner Meere. Starrer Himmel Grauen.
Oder wie nachts auf kahlen Feldern
Verlornes Mondlicht wandert und verschwindet.
Weh dem, der jemals einen sterben sah,
Da unsichtbar in Herbstes kühler Stille
Der Tod trat an des Kranken feuchtes Bette
Und einen scheiden ließ, da seine Gurgel
Wie einer rostigen Orgel Frost und Pfeifen
Die letzte Luft mit Rasseln stieß von dannen.
Weh dem, der sterben sah. Er trägt für immer
Die weiße Blume bleiernen Entsetzens.
Wer schließt uns auf die Länder nach dem Tode,
Und wer das Tor der ungeheuren Rune.
Was sehn die Sterbenden, daß sie so schrecklich
Verkehren ihrer Augen blinde Weiße.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:50 Titel: |
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Und die Hörner des Sommers verstummten …
Und die Hörner des Sommers verstummten im Tode der Fluren,
In das Dunkel flog Wolke auf Wolke dahin.
Aber am Rande schrumpften die Wälder verloren,
Wie Gefolge der Särge in Trauer vermummt.
Laut sang der Sturm im Schrecken der bleichenden Felder,
Er fuhr in die Pappeln und bog einen weißen Turm.
Und wie der Kehricht des Windes lag in der Leere
Drunten ein Dorf, aus grauen Dächern gehäuft.
Aber hinaus bis unten am Grauen des Himmels
Waren aus Korn des Herbstes Zelte gebaut,
Unzählige Städte, doch leer und vergessen.
Und niemand ging in den Gassen herum.
Und es sank der Schatten der Nacht. Nur die Raben noch irrten
Unter den drückenden Wolken im Regen hin,
Einsam im Wind, wie im Dunkel der Schläfen
Schwarze Gedanken in trostloser Stunde fliehn.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:50 Titel: |
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Der Gott der Stadt
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.
Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.
Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.
Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.
- Georg Heym - _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:51 Titel: |
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Spitzköpfig kommt er...
Spitzköpfig kommt er über die Dächer hoch
Und schleppt seine gelben Haare nach,
Der Zauberer, der still in die Himmelszimmer steigt
In vieler Gestirne gewundenem Blumenpfad.
Alle Tiere unten im Wald und Gestrüpp
Liegen mit Häuptern sauber gekämmt,
Singend den Mond-Choral. Aber die Kinder
Knien in den Bettchen in weißem Hemd.
Meiner Seele unendliche See
Ebbet langsam in sanfter Flut.
Ganz grün bin ich innen. Ich schwinde hinaus
Wie ein gläserner Luftballon.
- Georg Heym - _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:51 Titel: |
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Die Toten auf dem Berge
Wir wurden auf den kahlen Berg geführt.
Wir sahen in den Lüften die Gerippe,
Die Hände auf dem Rücken festgeschnürt.
Im Winde sprang und tanzte ihre Sippe.
Wir stiegen auf den Leitern in den Kreis,
Sie grüßten uns mit einem leichten Gruße.
Die Haare klebten uns vom kalten Schweiß,
Da stieß uns fort der Henker mit dem Fuße.
Wir stürzten in das Nichts. Und da zerbrach
Mit einem Ruck der Knochen im Genicke,
Versanken wir in Träume allgemach,
Zu langem Schlafe hingen wir am Stricke.
Wir schliefen manches Jahr auf hoher Wacht.
Die Trauer schmolz uns aus im Luftgemache.
Wir wachten auf in einer Regennacht,
Da grüßten wir uns mit der Totensprache.
Wir waren kahl geworden, Jahr auf Jahr.
Kaum sproßte noch das Haar in weißen Strähnen.
Die Kiefer hingen schon, des Fleisches bar,
Wie alten Greisen, die den Tag vergähnen.
Doch jung ward in den Stürmen unser Hirn.
Wir tanzten an dem Strick mit lautem Tanz.
Statt Blumen trugen wir auf unsrer Stirn
Des Galgens Pech in einem schwarzen Kranz.
Wir wurden langsam braun von Zeit und Rost.
Der Hemdenstrick war unser Ordensband.
Wir hielten still, wenn nachts der Winterfrost
Den weißen Turban um das Haupt uns wand.
Wir sahn im März des Erdgotts Häupter steigen
Mit braunen Locken an des Landes Decke.
Den Frühlingssturm und warmer Winde Reigen.
Am Galgen schoß das Kraut im kahlen Flecke.
Wir sahn die Hügel voll mit kleinen Pflügen,
Des Landes weiten Sommer zu umfahren.
Wir tranken seinen Duft mit vollen Zügen,
Wenn er im Felde schlief mit gelben Haaren.
Wir säten Mißwachs aus. Schwarz stand das Korn,
Die Sommernächte wurden feucht und kalt.
Die Nesseln schossen wie ein Kiefernwald.
Aus nassen Äckern wand sich Dorn um Dorn.
Wir sahn die Dörfer leer von unsrem Berge.
Die schwarzen Kasten schwankten uns vorbei.
Der Erde offnes Maul ergriff die Särge,
Zermalmte in den Kiefern sie zu Brei.
Wir sahn die Pest am Rand der Wälder stehen,
Die Kutte saß ihr voll auf prallen Weichen.
Wir sahen nachts den Tod im Lande gehen,
Die Länder mähend mit den Riesenstreichen.
Wie tanzten wir in kühler Julinacht,
Da Sarg auf Sarg zur offnen Kelter fuhr.
Der gelbe Mond ging auf im Regen sacht,
Und warf der Tänzer Schatten durch die Flur.
So war es einst. Jetzt bin ich alt und grau,
Verwittert von den Stürmen und der Zeit.
Der Brüder Schädel wäscht der Morgentau
Im Unkraut weiß, wo sie der Wind verstreut.
Schon sind die Stricke alle leer und faul.
Wann wächst am Galgenbaum noch solche Frucht?
Der Regen sickert durch das offne Maul
Der weißen Schädel in der grünen Schlucht.
Wie einsam ist es nun im Frührotschein.
In Winterkälte frier ich wie ein Kind.
Der Juli glüht mir heiß im Schläfenbein.
O rissen doch die Stricke in dem Wind.
Wie geht die Zeit. Wie bleich sind Nacht und Tag.
Des Herbstes Leid wohnt mir in weißen Brauen,
Und immer hör ich Schrei und Flügelschlag
Der Dohlen, die im Haar mir Nester bauen.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 03:51 Titel: |
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Träumerei in Hellblau
Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.
Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.
Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.
Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: So 25 Jul, 2010 13:12 Titel: |
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Die Seiltänzer
Sie gehen über den gespannten Seilen
Und schwanken manchmal fast, als wenn sie fallen.
Und ihre Hände schweben über allen,
Die flatternd in dem leeren Raum verweilen.
Das Haus ist übervoll von tausend Köpfen,
Die wachsen aus den Gurgeln steil, und starren
Wo oben hoch die dünnen Seile knarren.
Und Stille hört man langsam tröpfeln.
Die Tänzer aber gleiten hin geschwinde
Wie weiße Vögel, die die Wandrer narren
Und oben hoch im leeren Baume springen.
Wesenlos, seltsam, wie sie sich verrenken
Und ihre großen Drachenschirme schwingen,
Und dünner Beifall klappert auf den Bänken.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

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Verfasst am: Sa 05 Feb, 2011 18:30 Titel: |
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Der Garten
Der Mund ist feucht. Und wie bei Fischen breit.
Und leuchtet rot in dem toten Garten.
Sein Fuß ist glatt und über den Wegen breit.
Winde gehen hervor aus dem faltigen Kleid.
Er umarmet den Gott, der dünn wie aus Silber
Unter ihm knickt. Und im Rücken die Finger
Legt er ihm schwarz wie haarige Krallen.
Quere Feuer, die aus den Augen fallen.
Schatten gehen und Lichter, manchmal ein Mond.
Ein Gesause der Blätter. Aus warmer Nacht
Trübes Tropfen. Und unten rufen die Hörner
Wandelnder Wächter über der gelben Stadt.
– Georg Heym – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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