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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 04:16 Titel: Arthur Rimbaud (1854 bis 1891) |
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Ball der Gehenkten
Am lieben Arm des schwarzen Galgen
Im Tanze sich die Ritter balgen,
Des Teufels magre Paladine
Und das Geripp der Saladine.
Der Meister Beelzebub zieht straff am Halsgebinde
Der schwarzen Kasperln, die dem Himmel Fratzen ziehn,
Klapst sie mit einem alten Schuh und lässt geschwinde
Sie tanzen zu den alten Weihnachtsmelodien!
Sie pendeln, ihre dürren Arme zu verschlingen:
Gleich schwarzen Orgeln sperrn sich ihre Rippen auf,
An denen ehemals die hübschen Mägdlein hingen,
Und stoßen lang sich an in grausem Liebeshauf.
Hurra! die muntern Tänzer ohne Magenkrämpfe!
Hier kann man bocken, dieses Schaugerüst ist groß!
Hopp! dass man nicht mehr weiß, sind’s Tänze oder Kämpfe!
Wie toll kratzt Beelzebub auf seinen Fiedeln los!
O harte Fersen, die Sandale hält für immer!
Fast alle ließen schon ihr häutnes Hemde ziehn:
Der Rest ist wenig lästig, ehrenrührig nimmer.
Der Schnee hat ihnen einen weißen Hut verliehn:
Der Rabe ist der Helmbusch auf der Schädel Klaffen.
Ein Fetzchen Fleisch, das noch am magren Kinn erhebt:
Es mutet wie ein finstrer Händel an von straffen
Papprüstungen, wo alles durcheinanderstrebt.
Hurra! der Eiswind pfeift zum Festball der Gerippe!
Der Galgen, der wie eine Eisenorgel brüllt!
Aus violetten Wäldern heult der Wölfe Sippe:
Am Horizont der Himmel ist von Höllenrot erfüllt …
Hallo, jetzt schüttelt mir die prahlenden Gevattern,
Die mit zerbrochnen Fingern voller Heimlichkeit
Den Liebesrosenkranz auf bleichen Wirbeln rattern:
Dies ist kein Kloster! ihr, die ihr von hinnen seid!
Oh! Wie ein mächtiges Gerippe aus dem Totenreigen
Irr aufspringt in des Himmels rötliches Geviert,
Vom Schwunge mitgerissen, sich noch bäumt im Steigen
Und, wie’s die straffe Schnur am Halse wieder spürt,
Die Fingerstummel um die Schenkel krallt, die krachen,
Mit einem Aufschrei, der wie Hohngekicher klingt,
Und wie ein Possenreißer nach dem Späßemachen
Zurück zum knöchernen Gesang des Festes springt.
Am lieben Arm des schwarzen Galgen
Im Tanze sich die Ritter balgen,
Des Teufels magre Paladine
Und das Geripp der Saladine.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 04:17 Titel: |
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Venus Anadyomene
Grad wie aus einem grünen Blechsarg, voll Pomade
Die braunen Haare, träge, faul, entsetzlich dumm,
Hebt sich ein Frauenkopf aus einem alten Bade,
Kaum ausgeflickt die Mängel, die man sieht ringsum;
Dann fett und grau der Hals, ragende Schulterblätter;
Der kurze Rücken, der sich senkt wie eine Bucht;
Dann runde Lenden, die zum Scheine Schwung gesucht; –
Wie flache Schuppen glänzt’s und macht die Haut noch fetter; –
Das Rückgrat schimmert rötlich, und all dieses lässt
Seltsam erschaudern; doch vor allem stellt man fest,
Dass eine Lupe fehlt, manch eigen Ding zu knacken …
Zwei Worte, Clara Venus, in die Lenden eingeritzt;
– Der Körper reckt sich, spannt die breiten Hinterbacken,
Wo scheußlich schön am After eine Schwäre sitzt.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 04:17 Titel: |
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Das trunkene Schiff (Le Bateau ivre)
Hinab glitt ich die Flüsse, von träger Flut getragen,
da fühlte ich: es zogen die Treidler mich nicht mehr.
Sie waren, von Indianern ans Marterholz geschlagen,
ein Ziel an buntem Pfahle, Gejohle um sich her.
Ich scherte mich den Teufel um Männer und um Frachten;
wars flämisch Korn, wars Wolle, mir war es einerlei.
Vorbei war der Spektakel, den sie am Ufer machten,
hinunter gings die Flüsse, wohin, das stand mir frei.
Derweil die Tide tobte und klatschte an den Dämmen,
flog ich, und es war Winter, wie Kinderhirne stumpf,
dahin. Und wär es möglich, daß jemals Inseln schwämmen,
kein solcher Gischt umbraust' sie, kein ähnlicher Triumph.
Ein leichter Korken, tanzt ich dahin auf steiler Welle:
die erste Meerfahrt haben die Stürme benedeit.
Von solcher Welle heißt es, sie töte und sie fälle -
Die albernen Laternen der Häfen blieben weit!
So süß kann Kindermündern kein grüner Apfel schmecken,
wie mir das Wasser schmeckte, das grün durchs Holz mir drang.
Rein wuschs mich vom Gespeie und von den Blauweinflecken,
fort schleudert es das Steuer, der Draggen barst und sank.
Des Meers Gedicht! Jetzt konnt ich mich frei darin ergehen,
Grünhimmel trank ich, Sterne, taucht ein in milchigen Strahl
und könnt die Wasserleichen zur Tiefe gehen sehen:
ein Treibgut, das versonnen und selig war und fahl.
Die Rhythmen und Delirien, das Blau im rauchigen Schleier,
verfärbt sind sie im Nu hier, versengt sind sie, verzehrt:
so brannte noch kein Branntwein, kein Lied und keine Leier,
wie hier das bittre Rostrot der Liebe brennt und gärt!
Ich weiß, wie Himmel bersten, ich kenn die Dämmerungen,
die Strömung und die Dünung, die Woge, die sich bäumt,
die Früh - verzückt wie Tauben, die sich emporgeschwungen,
und manchmal sah mein Auge, was Menschenauge träumt.
Ich sah die Sonne hängen - mystisch geflecktes Grauen,
und violett, geronnen. Leuchtstreifen, endlos weit,
und sah die Fluten schaufeln und groß die Bühne bauen,
ein Schauspiel sah ich spielen, das alt war wie die Zeit!
Im Traum sah ich die Schneenacht, die grüne, sich erheben:
ein Kuß stieg zu den Augen der Meeres-Au empor.
Ein Kreisen wars von Säften, ein unerhörtes Weben,
und blau und gelb erwachte der singende Phosphor!
Ich folgt und folgt der Horde von wildgewordnen Kühen:
der See, die Klippen stürmte, folgt ich auf ihrem Ritt.
Vergessen wart ihr, Füße der leuchtenden Marien:
hier keuchten Meeresmäuler - sie schloß kein Heiligentritt!
Wißt ihr, ich lief auf Land auf, wie ihrs nicht schaut im Traume:
Des Menschenpanthers Augen - den Blumen beigesellt!
Ich sah im weitgespannten, im Regenbogenzaume
flutgrün die Herden ziehen am Grund der Meereswelt.
Ich sah, wie's in den Sümpfen, den Riesenreusen, gärte,
darin den Leviathan, verwesend zwischen Tang.
Und Wasserstürze sah ich, wo sich die Stille mehrte,
und schaute, wie die Ferne zur Tiefe niedersank!
Sah Gletscher, Silbersonnen, Gluthimmel, Perlmuttfluten,
den braunen Golf, wo greulich ein Wrack beim andern steht,
und sah die Riesenschlange, ein Fraß der Wanzenbruten,
vom Krüppelbaume fallen, von schwarzem Duft umweht!
Wo seid ihr. Kinderaugen, zu schaun die Herrlichkeiten?
Das Schuppengold der Welle, den Goldfisch, der da singt!
- Dies schaumumblühte Driften, dies Zwischeen-Blumen-Gleiten!
Der Wind, der Wind unsäglich, der meine Fahrt beschwingt!
Und litt ich Pein, der Pole und Wendekreise müde,
so schluchzt' es in den Wassern, ich schlingerte dahin,
mit gelbem Saugnapf tauchte empor die Schattenblüte -
ein Weib, so blieb ich liegen, ein Weib auf Weibesknien.
Gewölle und Gezanke hab ich an Bord genommen,
ich war das Vogel-Eiland - blond äugte, was da flog.
Ich trieb mit loser Spante, ich schwamm und ward durchschwommen:
ein Leichnam um den andern, der rücklings schlafwärts zog.
Und ich - verstrickt, verloren im Haar geheimer Buchten,
hinauf ins Vogellose geworfen vom Orkan:
sie fahren nicht, die Klipper, die Koggen, die mich suchten,
des wassertrunknen Rumpfes nimmt sich kein Schlepptau an.
Frei war ich und ich rauchte, von Nebelblau bestiegen,
ich stieß durch Feuerhimmel, ich stieß sie alle ein,
und was den Dichtern mundet, das fühlt ich auf mir liegen:
es waren Sonnenflechten, es war azurner Schleim.
Ich - mondgefleckt, elektrisch: die tollgewordne Planke!
Seepferdchen kam in Scharen und war mein schwarzer Troß.
Ihr Himmel blau und tiefblau, ich sah euch alle wanken,
ich sah, wie euch der Juli durch Glutentrichter goß!
Der Behemoth, der Mahlstrom durchstöhnte jene Breiten,
ich spürte beider Brunstlaut - ein Schauder ging durch mich,
ich schwamm und schwamm durch blaue, durch Regungslosigkeiten -
Europa, deine Wehren, die alten misse ich!
Und ich sah Inselsterne, sah Archipele ragen,
darüber Fieberhimmel - das Tor der Wanderschaft!
- Hats dich dorthin, ins Nächtige und Nächttigste verschlagen,
du goldnes Vogeltausend, du künftige, du Kraft?
Doch wahr, genug des Weinens! Der Morgen muß enttäuschen.
Ob Nacht-, ob Taggestirne, keins, das nicht bitter war:
ich schwoll von herber Liebe, erstarrt in Liebesräuschen -
O du mein Kiel, zersplittre! Und über mir sei, Meer!
Und gab es in Europa ein Wasser, das mich lockte,
so wärs ein schwarzer Tümpel, kalt, in der Dämmernis,
an dem dann eins der Kinder, voll Traurigkeiten, hockte
und Boote, falterschwache, und Schiffchen segeln ließ'.
Wen du umschmiegt hast, Woge, um den ist es geschehen,
der zieht nicht hinter Frachtern und Baumwollträgern her!
Nie komm ich da vorüber, wo sich die Fahnen blähen,
und wo die Brücken glotzen, da schwimm ich nimmermehr!
- Arthur Rimbaud -
(Übersetzung: Paul Celan) _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 04:18 Titel: |
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Der Schläfer im Tal
Ein grünes Loch, in dem ein Flüsschen singt und munter
Mit silbernem Geflirr die Gräser säumt,
Darein die Sonne blinkt vom stolzen Berg herunter:
Ein kleines Tal ist’s, das von Strahlen schäumt.
Ein junger Krieger, barhaupt und mit offnem Munde,
Den Nacken in der blauen Kresse Bad gesetzt,
Schläft; unter Wolken auf dem Rasengrunde,
Bleich auf der grünen Lagerstatt, von Licht benetzt.
Er schläft, die Füße in Gladiolen. Gleich
Einem kranken Kinde lächelnd, schlief er ein:
Natur, ihn friert: So wieg ihn warm und weich!
In seine Nase dringt der Duft nicht aus der Weite;
Er schläft, die Hand auf stiller Brust, im Sonnenschein.
Er hat zwei rote Löcher in der rechten Seite.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
könnte ich ihn nur bezeichnen als die Reproduktion dessen,
was unsere Sinne durch den Schleier der Seele von der Natur wahrnehmen.
- Edgar Allan Poe - |
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Beteigeuze Sohn Odins - Administrator

Anmeldedatum: 01.04.2010 Beiträge: 258 Wohnort: Wiesbaden
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 04:19 Titel: |
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Ophelia
I
Auf stiller, schwarzer Welle, in der Sterne feiern,
treibt, eine große Lilie, Ophelia weiß entlang,
treibt langsam hin, ruhend in ihren weiten Schleiern …
– Aus fernen Wäldern hört man Hörnerklang.
Seit tausend Jahren zieht Ophelias bleicher Schemen
trauernd hinab des breiten Stromes schwarze Bahn;
seit tausend Jahren lässt sich leis ihr Lied vernehmen,
in milde Abendlüfte murmelnd süßen Wahn.
Der Wind küsst ihr die Brust, öffnet den Blütenreigen
der wellenfeuchten Schleier, weich gewiegten Flor;
auf ihre Schulter weint es aus den Weidenzweigen,
und ihre große Träumerstirn neigt sich ins Rohr.
Von schwanken, wunden Seerosen wird sie umtrauert;
sie weckt manchmal, in einer Erde stillem Traum,
ein Nestchen, dem ein leichter Flügelschlag entschauert:
– Geheimes Singen fällt aus goldnem Sternenraum.
II
Ophelia, ach! so weiß wie Schnee, du bleiche Schöne!
Tot und begraben, Kind, in aller Wasser Flut!
– Weil aus dem bergigen Norwegen rauhe Föhne
dir flüsterten von ihrem herben Freiheitsmut;
Weil dieser Hauch in deinem Haare sich verfangen
und wirrer Laut in deine Träumerseele kam,
so dass dein Herz Gesänge der Natur voll Bangen
in Baumesklagen und dem Wind der Nacht vernahm;
Weil Dröhnen wahnsinniger Meere, Seengewitter,
dir deine allzu junge, zarte Brust zerblies;
weil eines Morgens im April ein bleicher Ritter,
ein armer Narr, sich stumm vor dir auf Kniee ließ!
Der Himmel! Liebe! Freiheit! Welch Traum, o arme Närrin!
Du schmolz’st an ihm, wie Schnee, der an der Glut vergeht:
Deine Vision, so groß, ward deiner Worte Herrin …
– Unendlichkeit, die deinen blauen Blick verweht!
III
– Der Dichter sagt, dass du im Strahlenlicht der Sterne
die Blumen suchen kommst, die du dereinst gepflückt;
dass auf den Wassern er, als Lilie in der Ferne,
Ophelia treiben sah, mit Schleiern weiß geschmückt.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: Fr 02 Apr, 2010 04:20 Titel: |
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Erster Abend
– Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.
Ein großer, frecher Baum der hing
mit allen Blättern an der Scheibe,
so nah, so nah, wie’s eben ging.
Sie faltete, halb nackt, die Hände
und schmiegte sich im Sessel ein.
In süßem Schauder schwang behende
ihr kleiner Fuß, so fein, so fein.
– Ich sah die Zweige sich beleben
und einen kleinen Strahl vergnügt
ihr Lächeln, ihre Brust umschweben, –
ein Bienchen, das um Rosen fliegt.
– Ich küsste ihre zarten Füße.
Sie lachte perlend und brutal
in klaren Trillern voller Süße
ein hübsches Lachen aus Kristall.
Die kleinen Füße, sie entflohen
rasch unters Hemd: »Ich werd dir gleich …!«
– Doch konnte dieses Lachen drohen,
da mir verziehn der erste Streich?
– Mit einem Kusse konnt ich finden
ihr Augenlid, das pulsend schlug:
– Verschmitzt warf sie den Kopf nach hinten:
»Na, jetzt ist’s aber wohl genug! …
Mein Freund, ich muss dir eines sagen …«
– Ich warf den Rest in ihre Brust
mit einem Kuss, der ohne Zagen
sie lachen ließ mit guter Lust.
– Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.
Ein großer, frecher Baum, der hing
mit allen Blättern an der Scheibe,
so nah, so nah, wie’s eben ging.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: So 23 Mai, 2010 00:44 Titel: |
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Meine Bohème
Phantasie
Ich ging, Fäuste in Taschen löchrig wie Siebe;
mein Mantel ward ein feingesponnen Ding;
als dein Getreuer, Muse! ging ich unterm Himmel hin;
o la! Wie prächtig träumte mir’s von Liebe!
Ein unvergleichlich Loch trug ich im Hosenkleide.
– Als kleiner Däumling streifte träumend ich umher
und pflückte Reime. Mein Gasthof war der Große Bär.
– Am Himmel meine Sterne rauschten sanft wie Seide,
und ich belauschte sie, am Wegesrande hockend
in den Septembernächten, wo der Tau verlockend
auf meine Stirne fiel wie ein Wein von seltner Kraft;
wo ich, inmitten Schattenspiel und Reimgeplänkel,
wie Saiten schwang die widerspenstgen Senkel
der wunden Schuh’, den Fuß ans Herz gerafft!
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: So 06 Jun, 2010 00:12 Titel: |
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Die Raben
Herr, wenn die Fluren frostbeklommen,
wenn in den Weilern düsterkarg
der Hall des Angelus erstarb …
dann lass sie aus den Himmeln kommen,
über Natur, der Blüten bar,
der lieben, teuren Raben Schar.
Seltsames Heer mit rauhen Schreien,
an euren Nestern rüttelt Wind!
Über dem Strom, der trübe rinnt,
über den Gräbern, Wegesreihen
zum Kreuzberg, über Wald und Teich
zerstreuet euch, versammelt euch!
Zu Tausenden schwirrt durcheinander,
hin über Frankreichs Felder fliegt,
wo mancher nun im Tode liegt,
dass daran denke, jeder Wandrer!
Sei schwarzer Künder unsrer Pflicht,
o Unglücksvogel, der uns spricht!
Doch, Himmelsheilige auf Eichen,
Masten im Abendzauberschein,
lasst nur die Maienvögelein
für jene, denen kein Entweichen
vergönnt die Niederlage, die sie bannt
aus Waldmoos, – deren Zukunft schwand.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: Di 15 Feb, 2011 22:15 Titel: |
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Die Sitzer
Schwarz von Geschwülsten, pockig, grüne Augenkragen,
die Knollenfinger hart gekrampft ums Schenkelbein,
den Vorderkopf mit ungewissem Gram beschlagen, –
wie blühender Verfall an altem Mauerstein; –
So haben sie in epileptischem Begehren
auf große, schwarze Stuhlskelette aufgepflanzt
die wunderlichen Knochen Tag und Nacht, in queren
Rachitischen Verstrebungen den Fuß verschanzt!
Die Greise sind auf ewig mit dem Stuhl verzwittert:
Ob rege Sonne zu Kattun bleicht ihre Haut,
ob sie, zitternd wie eine Kröte schmerzlich zittert,
zur Fensterscheibe blicken, wo der Schnee leis taut.
Und gut die Stühle, höchst bequem: aus braunen Sitzen
quillt sacht das Stroh unter der Lenden Eck hervor;
die Seele alter Sonnen glimmt verpackt aus Ritzen
der eng verflochtnen Ähren, drin das Korn einst gor.
Die Sitzer, Knie am Zahn, die grünen Virtuosen,
zehn Finger unterm Sitz, dass es wie Trommeln tönt,
hören, wie Gondellieder traurig sie liebkosen,
und schunkeln mit den Köpfen, mit der Welt versöhnt.
– Oh! Zwingt sie bloß nicht aufzustehn! Dann geht ihr unter …
Sie kommen hoch und knurr’n wie Kater zu euch her,
und langsam werden ihre Schulterblätter munter,
o Wut! Die Hose bläht sich überm Lendenschmer.
Ihr hört sie krummen Fußes tappen in der Stille,
mit kahlen Köpfen krachen gegen dunkle Wand,
und jeder ihrer Knöpfe wird zur fahlichten Pupille,
aus tiefem Korridor den Blick auf euch gebannt!
Dann möchte ihre unsichtbare Hand euch töten:
Und kommen sie, den Blick von schwarzem Gift durchtränkt,
das sickernd kündet von verdroschner Hunde Nöten,
schwitzt ihr, in einen Foltertrichter eingezwängt.
Und wieder sitzend, Fäuste in Manschettenschmiere,
grimmen sie jenen, die zum Aufstehn sie gebracht,
und unterm kümmerlichen Kinn, da rasen ihre
Mandeldrüsen vom Morgenrot bis in die Nacht.
Und klappt’s Visier herab vorm Schlafe, dem Bezwinger,
erträumen sie sich überm Arm noch Stühle gar mit Kind
und Gängelstühlchen, richtig süße Dinger,
die für die stolzen Pulte grad der rechte Rahmen sind;
und Tintenblumen, Kommapollen speiend, wiegen
sie sacht, die sich entlang der Kelche hingekniet,
ganz wie Libellen um Gladiolenhalme fliegen.
– Und an den Ährenbärten kitzelt sich ihr Glied.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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Verfasst am: Mi 28 Sep, 2011 23:13 Titel: |
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Stadt
Ich bin ein flüchtiger und nicht sehr unzufriedener Bürger
einer roh-modernen Großstadt, denn jeder bekannte
Stil wurde beim Mobiliar und beim Äußeren
der Häuser ebenso vermieden wie beim Stadtplan.
Hier würden Sie nicht auf die Spuren auch nur eines Monuments des
Aberglaubens zeigen. Die Moral und die Sprache sind auf
Ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt, endlich! Diese Millionen
Leute, die sich nicht zu kennen brauchen, gleichen sich so
sehr in Erziehung, Beruf und Alter,
dass es eine verrückte Statistik für die Völker
auf dem Kontinent annimmt. So sehe ich, von meinem Fenster,
neue Gespenster durch den dichten
und ewigen Kohlenrauch rollen, – unser Schattengehölz,
unsre Sommernacht! – neue Erinnyen, vor
meinem Cottage, das meine Heimat und mein ganzes Herz ist, denn
alles hier erinnert daran, – die tränenlose TÖDIN, unsere
umtriebige Tochter und Dienerin, und ein verzweifelter AMOR
und ein hübsches VERBRECHEN, plärrend im Schlamm der Straße.
– Arthur Rimbaud – _________________ Aufgefordert, in aller Kürze den Begriff Kunst zu definieren,
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